Das Schienbeinkantensyndrom, auch mediales tibiales Stresssyndrom oder «shin splints», ist ein belastungsabhängiger Schmerz an der inneren Kante des Schienbeins. Auslöser ist fast immer eine zu schnelle Steigerung von Lauf- oder Sprungbelastung. Die meisten Beschwerden bessern sich innerhalb weniger Wochen mit Entlastung; eine Stressfraktur muss ärztlich ausgeschlossen werden.
Was ist ein Schienbeinkantensyndrom?
Beim Schienbeinkantensyndrom ist das Gewebe an der inneren Schienbeinkante gereizt: die Knochenhaut, die dort ansetzenden Muskeln und Sehnen und der Knochen selbst. Fachleute sprechen vom medialen tibialen Stresssyndrom. Es gehört zu den häufigsten Beschwerden bei Laufenden, Tänzerinnen und Rekruten.
Nicht jeder Schmerz am Unterschenkel ist ein Schienbeinkantensyndrom. Schmerz in der Wadenmuskulatur gehört zu den Wadenschmerzen, Schmerz an der Ferse und der Sehne zur Achillessehnenentzündung. Diese Seite behandelt den Belastungsschmerz an der Schienbeinkante.
Typische Beschwerden
- Schmerz und Druckempfindlichkeit entlang der inneren Schienbeinkante, meist über eine längere Strecke und nicht an einem einzelnen Punkt
- Schmerz während und nach dem Training, stechend oder dumpf pochend
- leichte Schwellung über der Kante
- Zunahme bei Laufen und Springen, besonders auf hartem Boden
Ursachen
Das Schienbein wird überlastet, wenn Umfang, Häufigkeit oder Intensität des Trainings zu schnell steigen, etwa nach einer Pause, bei neuen Bergläufen oder harten Böden. Begünstigend sind Plattfüsse oder sehr steife Fussgewölbe, abgelaufene oder ungeeignete Schuhe und eine ungünstige Lauftechnik.
Wie wird abgeklärt?
Meist genügen die Vorgeschichte und die Untersuchung des Unterschenkels: Die Ärztin tastet die Schienbeinkante ab und schaut sich Fussform und Schuhe an. Bildgebung wird nötig, wenn der Schmerz punktförmig ist, in Ruhe anhält oder sich mit Entlastung nicht bessert. Dann geht es um den Ausschluss einer Stressfraktur des Schienbeins, die im MRT oder in der Knochenszintigrafie sichtbar wird. Weitere Ursachen sind eine Sehnenreizung oder ein belastungsabhängiges Kompartmentsyndrom, bei dem der Druck in den Muskellogen während des Sports zu stark ansteigt; dafür wird der Logendruck gemessen. Eine Selbstdiagnose ist nicht sinnvoll, weil diese Ursachen anders behandelt werden.
Wie wird behandelt?
- Pause von der auslösenden Belastung über mehrere Wochen; Ausdauer über Schwimmen, Velo oder Crosstrainer erhalten
- Kühlen bis zu 20 Minuten, mehrmals täglich, in ein Tuch gewickelt
- Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen als Gel oder Tablette nach Absprache
- Dehnung der Unterschenkelmuskulatur, allenfalls Kompressionsbandage gegen Schwellung
- Schuhe und Einlagen: gut dämpfende Laufschuhe, Einlagen bei Plattfüssen oder wiederkehrenden Beschwerden
- Physiotherapie, wenn die Beschwerden nicht nachlassen
- Wiedereinstieg erst nach etwa zwei schmerzfreien Wochen, mit kürzeren Einheiten, weniger Intensität und mehr Erholung als zuvor
Kann TCM ergänzend helfen?
Zur Akupunktur beim Schienbeinkantensyndrom haben wir keine aussagekräftigen Studien gefunden. Ein ergänzender Versuch zur Schmerzlinderung kann besprochen werden, wenn eine Stressfraktur ausgeschlossen ist. Wichtig: Weniger Schmerz ist kein Zeichen dafür, dass der Knochen die Belastung wieder trägt. Die Pause und der schrittweise Aufbau bleiben die Behandlung.
Wann zeitnah abklären?
- punktförmiger Schmerz am Schienbein, der auch in Ruhe oder nachts besteht
- Schmerz nach einem Unfall oder Schlag ans Schienbein
- starke Schmerzen, Taubheit oder Schwäche im Fuss während des Sports
- Rötung, Überwärmung, Fieber
- keine Besserung nach einigen Wochen Entlastung oder erneute Beschwerden beim Wiedereinstieg
Nächster Schritt
Reduziere die Belastung, prüfe deine Schuhe und lass den Unterschenkel ärztlich untersuchen, wenn der Schmerz nicht nachlässt oder punktförmig ist. Beschwerden am Sprunggelenk ordnet die Seite Sprunggelenkschmerzen ein. Für einen ergänzenden Behandlungsversuch nach der Abklärung hilft der Praxisfinder.
Häufige Fragen
Ist jeder Schienbeinschmerz ein Schienbeinkantensyndrom?
Nein. Eine Stressfraktur, eine Sehnenreizung oder ein belastungsabhängiges Kompartmentsyndrom können ähnlich wehtun und werden anders behandelt. Punktförmiger Schmerz oder Schmerz in Ruhe gehören ärztlich abgeklärt.
Muss ich mit dem Laufen pausieren?
Ja, für einige Wochen. Ausdauer lässt sich mit Schwimmen oder Velofahren erhalten. Der Wiedereinstieg erfolgt erst nach etwa zwei schmerzfreien Wochen und deutlich unter dem früheren Umfang.
Wann sollte der Schmerz abgeklärt werden?
Wenn er trotz Entlastung zunimmt oder nicht besser wird, wenn er in Ruhe besteht, nach einer Verletzung aufgetreten ist oder von Taubheit, Schwäche, Rötung oder Fieber begleitet wird.
