Halten Schmerzen nach einer Operation länger als drei Monate an, spricht man von chronischen postoperativen Schmerzen. Seit 2022 sind sie in der WHO-Klassifikation ICD-11 als eigene Erkrankung definiert. Oft haben sie Merkmale von Nervenschmerzen. Andere Ursachen wie eine Infektion, eine Tumorerkrankung oder ein schon vorher bestehendes Schmerzleiden müssen ausgeschlossen werden. Für keine einzelne Behandlung ist die Wirksamkeit gut belegt; meist braucht es einen abgestimmten Plan.
Was sind chronische postoperative Schmerzen?
Nach der Definition der ICD-11 sind es Schmerzen, die nach einer Operation entstehen oder seither stärker geworden sind und über die Heilung hinaus, also mindestens drei Monate, bestehen. Sie liegen im Operationsgebiet oder strahlen in das Versorgungsgebiet eines dort verlaufenden Nervs aus. Andere Ursachen, etwa ein vorbestehendes Schmerzleiden, eine Infektion oder eine Tumorerkrankung, müssen ausgeschlossen sein. Häufig haben die Schmerzen Merkmale von Nervenschmerzen.
Diese Seite betrifft Schmerzen, die über die Heilungszeit hinaus bestehen. Nicht gemeint sind die Wundschmerzen der ersten Tage und Wochen; zur ergänzenden Akupunktur in dieser Phase siehe Akupunktur bei Schmerzen nach einer Operation. Die Frage, wann nach einem Eingriff wieder akupunktiert werden darf, beantwortet Akupunktur nach einer Operation, und um die Behandlung von Narben geht es unter Narbenbehandlung.
Wie häufig sind sie?
Das hängt stark von der Definition ab. Frühere Studien nannten je nach Eingriff 14 bis 68 Prozent. Eine Auswertung unter Leitung des Inselspitals Bern mit 2'319 Operierten aus einem europäischen Schmerzregister ergab: Ein Jahr nach der Operation erfüllten 8,6 Prozent die ICD-11-Kriterien mit Schmerzen und schmerzbedingten Einschränkungen im Alltag; verlangt man zusätzlich, dass der Schmerz nach der Operation stärker wurde, waren es 3,3 Prozent. Hohe Raten werden unter anderem nach Amputationen, Eingriffen am Brustkorb, Brustoperationen, Leistenbruch-Operationen und Knieprothesen berichtet.
Typische Beschwerden
- anhaltender Schmerz im Operationsgebiet oder entlang eines Nervs, der dort verläuft
- brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen, Kribbeln oder Taubheit
- Überempfindlichkeit auf Berührung
- Einschränkungen im Alltag, beim Schlafen und in der Stimmung
Wer ist besonders gefährdet?
Als Risikofaktoren gelten starke Schmerzen in den ersten Tagen nach der Operation, Schmerzen schon vor dem Eingriff, Angst und andere psychische Belastungen, jüngeres Erwachsenenalter, weibliches Geschlecht, die Art und Ausdehnung des Eingriffs, Komplikationen und erneute Operationen sowie eine Strahlen- oder Chemotherapie. Risikofaktoren sind keine Schuldfrage, sie helfen aber, früh hinzuschauen.
Wie wird abgeklärt?
Erster Ansprechpartner ist das Operationsteam oder die Hausarztpraxis. Zuerst geht es darum, Komplikationen und andere Ursachen auszuschliessen, etwa eine Infektion oder ein Problem mit einem Implantat. Hilfreich sind eine genaue Beschreibung von Schmerzart, Lage und Ausbreitung sowie, wie stark die Schmerzen Alltag und Wohlbefinden beeinträchtigen. Bleiben die Schmerzen, ist eine Schmerzsprechstunde die passende Anlaufstelle.
Wie wird behandelt?
Eine systematische Übersicht mit 66 randomisierten Studien fand für keine untersuchte Behandlung genügend Belege, um über ihre Wirksamkeit zu urteilen. Untersucht wurden unter anderem Medikamente gegen Nervenschmerzen, Capsaicin, Spritzen, Opioide, Akupunktur, Bewegungstherapie, Rückenmarkstimulation, weitere Operationen und Achtsamkeitstraining. Die meisten Studien betrafen Schmerzen nach Wirbelsäulenoperationen oder Phantomschmerzen.
In der Praxis wird die Behandlung deshalb auf die Schmerzart abgestimmt, zum Beispiel mit Medikamenten gegen Nervenschmerzen, und oft fachübergreifend geplant: ärztliche Schmerztherapie, Physiotherapie und psychologische Unterstützung. Steht eine weitere Operation an, lohnt sich ein Gespräch über vorbeugende Massnahmen wie eine Regionalanästhesie und einen sparsamen Umgang mit Opioiden.
Kann TCM ergänzend helfen?
In einer PubMed-Suche am 29.10.2026 (chronische postoperative Schmerzen mit Akupunktur, Elektroakupunktur, Dry Needling, Moxibustion, Schröpfen oder chinesischen Arzneimitteln) fanden wir 22 Treffer, überwiegend Studienprotokolle, Einzelfallberichte und Übersichten zu Mechanismen. Die oben genannte systematische Übersicht schloss Akupunkturstudien ein und fand auch für Akupunktur keine ausreichenden Belege. Eine grosse Studie aus China mit 576 Frauen untersuchte eine elektrische Stimulation von Akupunkturpunkten über Hautelektroden vor einer Brustoperation zur Vorbeugung; sie betrifft die Zeit der Operation, nicht die Behandlung bestehender Schmerzen. Ob Akupunktur bei bereits bestehenden chronischen Schmerzen nach einer Operation hilft, ist damit offen.
Bei einem Kunstgelenk gilt: Nadelbehandlungen in Gelenknähe nur nach Rücksprache mit dem Operationsteam. Nach Dry Needling am Knie ist eine Infektion einer Knieprothese als Fallbericht beschrieben; mehr dazu unter Akupunktur mit Gelenkprothese.
Wann zeitnah abklären?
- Noch heute ärztlich: Schmerzen mit Fieber, Rötung, Schwellung, Überwärmung oder Absonderung aus der Wunde; ein Kunstgelenk, das plötzlich stark schmerzt
- Noch heute ärztlich: neue Lähmungen oder ein neues Taubheitsgefühl
- Zeitnah in die Sprechstunde: Schmerzen, die Wochen nach der Operation nicht abnehmen oder zunehmen; Schmerzen, die Schlaf und Alltag deutlich einschränken
Nächster Schritt
Sprich anhaltende Schmerzen bei der Nachkontrolle oder in der Hausarztpraxis aktiv an und beschreibe Lage, Art und Ausbreitung möglichst genau. Frag nach einer Überweisung in eine Schmerzsprechstunde, wenn die Schmerzen über Monate bleiben.
Häufige Fragen
Ab wann gelten Schmerzen nach einer Operation als chronisch?
Wenn sie über die Heilungszeit hinaus mindestens drei Monate bestehen, im Operationsgebiet liegen oder entlang eines dort verlaufenden Nervs ausstrahlen und keine andere Ursache sie besser erklärt.
Ist das dasselbe wie Narbenschmerzen?
Nicht unbedingt. Schmerzen an der Narbe können dazugehören, chronische postoperative Schmerzen umfassen aber auch tiefer liegende Schmerzen und Nervenschmerzen. Die Pflege und Behandlung der Narbe selbst ist ein eigenes Thema.
Hätte man die Schmerzen verhindern können?
Nicht immer. Starke Schmerzen in den ersten Tagen gelten als Risikofaktor, und für einige vorbeugende Massnahmen gibt es Hinweise; sicher belegt ist der Nutzen aber für wenige. Viele Faktoren, etwa die Art des Eingriffs, lassen sich nicht beeinflussen.
Quellen
- Insel Gruppe Bern, Medienmitteilung 16.02.2023: Chronische postoperative Schmerzen richtig erkennen (ICD-11, PAIN OUT-Register)
- Rosenberger und Pogatzki-Zahn 2022: Chronic post-surgical pain – update on incidence, risk factors and preventive treatment options, BJA Education
- Wylde et al. 2017: Systematic review of management of chronic pain after surgery, Br J Surg (Abstract)
- Lu et al. 2021: Transcutaneous electrical acupoint stimulation before surgery reduces chronic pain after mastectomy, randomisierte Studie, J Clin Anesth (Abstract)
- Moody et al. 2020: Periarticular needle-based therapies can cause periprosthetic knee infections, Fallberichte, Arthroplast Today (Abstract)
