Das Radialtunnelsyndrom ist eine Reizung des tiefen Astes des Speichennervs (Nervus radialis) im oberen Unterarm. Typisch ist ein dumpfer, tief sitzender Schmerz aussen am Unterarm, einige Zentimeter unterhalb des Ellbogens, ohne echte Lähmung. Es wird oft mit dem Tennisarm verwechselt oder tritt zusammen mit ihm auf. Nervenmessung und MRT sind meist unauffällig. Behandelt wird zuerst konservativ.
Was ist ein Radialtunnelsyndrom?
Der Speichennerv teilt sich in Höhe des Ellbogens. Sein tiefer Ast zieht durch einen etwa fünf Zentimeter langen Durchlass zwischen den Unterarmmuskeln, den Radialtunnel, bevor er im Muskel Supinator verschwindet. An mehreren Stellen kann er dort eingeengt werden, am häufigsten an der Sehnenkante des Supinators (Frohse-Arkade). Das Radialtunnelsyndrom beschreibt den Schmerz, der aus dieser Reizung entsteht: ohne Kraftverlust und ohne Gefühlsausfall. Es ist selten, und kein Test beweist es.
Drei Begriffe werden damit verwechselt. Der Tennisarm ist eine Sehnenreizung direkt am äusseren Ellbogenknochen; beim Radialtunnelsyndrom liegt der Druckschmerz zwei bis fünf Zentimeter weiter unten über dem Muskelbauch. Beide können nebeneinander bestehen. Das Supinatorlogensyndrom oder PIN-Syndrom ist eine Druckschädigung desselben Astes mit Schwäche beim Strecken von Fingern und Daumen; manche sehen das Radialtunnelsyndrom als dessen Vorstufe, deckungsgleich sind die Begriffe nicht. Allgemeine Nervenschmerzen mit Brennen, Kribbeln oder Taubheit sprechen eher für eine andere Ursache.
Typische Beschwerden
- dumpfer, drückender oder brennender Schmerz aussen und oben am Unterarm, der Richtung Handrücken ziehen kann
- stärker bei Drehbewegungen des Unterarms, beim Heben, nachts oder am Tag nach Belastung
- Druckschmerz über dem Muskelbauch, nicht direkt am Ellbogenknochen
- Handgelenk fühlt sich kraftlos an, Finger und Daumen lassen sich aber strecken
Ursachen
Meist steckt eine Überlastung dahinter: wiederholtes Drehen des Unterarms mit gebeugtem Ellbogen, festes Greifen oder schwere Handarbeit erhöhen den Druck im Tunnel. Selten drückt ein Ganglion, ein Tumor oder eine Verknöcherung nach Verletzung auf den Nerv. Als Differenzialdiagnosen kommen Tennisarm, PIN-Syndrom, Nervenwurzelreizung an der Halswirbelsäule, Bizepssehnenreizung oder eine Sehnenscheidenentzündung am Daumen infrage.
Wie wird abgeklärt?
Die Diagnose stützt sich auf Krankengeschichte und Untersuchung. Die Ärztin sucht den Druckpunkt unterhalb des Ellbogens, prüft, ob Drehen des Unterarms oder Strecken des Mittelfingers gegen Widerstand den Schmerz auslöst, und testet die Kraft der Finger- und Daumenstrecker: Sie muss erhalten sein. Eine Nervenleitmessung mit EMG ist in der Regel normal; sie hilft, eine Lähmung des Nervs zu erkennen und eine Ursache an der Halswirbelsäule zu prüfen, schliesst eine zervikale Radikulopathie aber nicht sicher aus. Das MRT ist ebenfalls meist unauffällig, zeigt aber Raumforderungen. Eine Spritze mit Betäubungsmittel in den Tunnel kann die Diagnose stützen, wenn der Schmerz vorübergehend verschwindet. Es bleibt eine Ausschlussdiagnose.
Wie wird behandelt?
- Belastung anpassen: Drehbewegungen mit Kraft, langes Halten mit gestrecktem Ellbogen und gebeugtem Handgelenk reduzieren; Pausen, Werkzeug und Griff anpassen
- Keine Unterarm-Spange: Bandagen, wie sie beim Tennisarm verwendet werden, drücken genau auf den Tunnel und werden abgeraten
- Abnehmbare Handgelenkschiene, Kühlen oder Wärme, Schmerzmittel wie Ibuprofen nach Absprache
- Physiotherapie mit Dehnung, Nervenmobilisation und Aufbau der Unterarmmuskulatur
- Kortisonspritze in den Tunnel: in einer kleinen Studie mit 25 Personen waren danach rund 60 Prozent zwei Jahre lang schmerzfrei
- Operation (Dekompression) erst nach Monaten erfolgloser konservativer Behandlung: Die Engstellen werden gespalten. Rund 60 bis 80 Prozent profitieren, die Erholung dauert Monate, Restbeschwerden sind häufig
Kann TCM ergänzend helfen?
Zur Akupunktur beim Radialtunnelsyndrom haben wir keine aussagekräftigen Studien gefunden; die einzigen Treffer in PubMed sind ein Fallbericht über eine Lähmung des tiefen Radialisastes nach einer Akupunkturnadel am Unterarm und die Antwort darauf. Ergebnisse zur Akupunktur beim Tennisarm oder beim Karpaltunnelsyndrom betreffen andere Diagnosen und lassen sich nicht übertragen. Wenn die Diagnose steht und eine Schwäche ausgeschlossen ist, kann ein ergänzender Versuch zur Schmerzlinderung besprochen werden; der Bereich direkt über dem Nerv wird dabei gemieden. Akupunktur löst keine Engstelle und ersetzt weder Spritze noch Operation. Die Grundlage bleibt die Anpassung der Belastung.
Wann zeitnah abklären?
- Sofort Notruf 144: plötzliche Schwäche, Lähmung oder Taubheit eines Arms oder im Gesicht, plötzliche Sprach- oder Sehstörung, hängender Mundwinkel, heftiger Schwindel mit Gehunfähigkeit (möglicher Hirnschlag; jedes einzelne dieser Zeichen genügt, auch wenn es wieder verschwindet)
- Noch heute ärztlich (Hausärztin, Notfallpraxis oder Notfallstation): neue Schwäche beim Strecken der Finger oder des Daumens oder eine hängende Hand (Verdacht auf Lähmung des tiefen Radialisastes, neurologische Abklärung); Schmerz nach Sturz oder Verletzung mit Schwellung oder Bluterguss
- Zeitnah in die Sprechstunde: Taubheit oder Kribbeln bis in die Finger, besonders mit Nackenschmerz oder Ausstrahlung vom Hals in den Arm (mögliche zervikale Radikulopathie); tastbare Schwellung oder Knoten am Unterarm; keine Besserung nach sechs bis zwölf Wochen angepasster Belastung
Nächster Schritt
Zeigt sich eines der Notfallzeichen oben, ruf sofort 144 und warte nicht auf einen Termin. Eine neue Schwäche beim Strecken der Finger gehört noch heute in ärztliche Beurteilung. Sonst lass den Schmerz ärztlich einordnen, bevor du ihn als Tennisarm behandelst: Die Massnahmen unterscheiden sich, etwa bei der Spange. Für einen ergänzenden Behandlungsversuch nach der Abklärung findest du über den Praxisfinder eine Praxis.
Häufige Fragen
Wie unterscheide ich Tennisarm und Radialtunnelsyndrom?
Beim Tennisarm schmerzt der Druck direkt auf den äusseren Ellbogenknochen, beim Radialtunnelsyndrom zwei bis fünf Zentimeter darunter über dem Muskel. Drehen des Unterarms gegen Widerstand provoziert eher den Nerv, Strecken des Handgelenks eher die Sehne.
Zeigt die Nervenmessung das Syndrom?
Meist nicht. Die Messung erfasst die dicken Fasern für Muskelkraft, und die sind beim Radialtunnelsyndrom intakt. Sie wird trotzdem gemacht, um eine Lähmung des Nervs oder eine Ursache an der Halswirbelsäule auszuschliessen.
Muss operiert werden?
Selten. Die Operation kommt infrage, wenn Belastungsanpassung, Schiene, Physiotherapie und Spritze über Monate nicht helfen. Der Erfolg ist nicht sicher, die Erholung dauert Monate.
