Die Adduktorentendinopathie ist eine Überlastung der Sehnen der Oberschenkelinnenseite am Schambein und eine der häufigsten Ursachen für länger bestehenden Leistenschmerz bei Sportlerinnen und Sportlern. Sie unterscheidet sich von einer akuten Zerrung. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Ein aktives Kräftigungsprogramm ist die wirksamste belegte Behandlung.
Was ist eine Adduktorentendinopathie?
Die Adduktoren sind fünf Muskeln an der Innenseite des Oberschenkels, die das Bein zur Mitte ziehen. Sie setzen mit ihren Sehnen am Schambein an. Werden diese Sehnen immer wieder überlastet, entsteht eine Adduktorentendinopathie: ein schleichender Sehnenschmerz in der Leiste, anders als die plötzliche Zerrung oder der Muskelfaserriss.
Leistenschmerz hat viele Ursachen. Fachleute unterscheiden adduktorenbezogenen, hüftbeugerbezogenen, leistenkanalbezogenen und schambeinbezogenen Leistenschmerz sowie Schmerz aus dem Hüftgelenk, etwa bei Hüftarthrose. Eine Übersicht gibt die Seite Hüftschmerzen. Diese Seite behandelt nur den Sehnenschmerz der Adduktoren.
Typische Beschwerden
- Schmerz in der Leiste und an der Innenseite des Oberschenkels, nahe am Schambein
- Schmerz beim Sprinten, Schiessen, Grätschen und bei schnellen Richtungswechseln
- Druckschmerz am Sehnenansatz und Schmerz, wenn die Beine gegen Widerstand zusammengedrückt werden
- Steifigkeit und Anlaufschmerz zu Beginn der Belastung
- schleichender Beginn, oft über Wochen und Monate
Ursachen
Hauptursache ist eine Belastung, die höher ist, als die Sehne aktuell verträgt: viele Sprints und Richtungswechsel im Fussball, Eishockey oder Tennis, eine schnelle Steigerung des Trainings, Kraftdefizite der Adduktoren oder der Rumpf- und Hüftmuskulatur. Eine früher nicht ausgeheilte Zerrung kann in eine Tendinopathie übergehen.
Wie wird abgeklärt?
Die Diagnose wird aus der Vorgeschichte und der Untersuchung gestellt: Druckschmerz am Sehnenansatz und Schmerz beim Zusammenpressen der Beine gegen Widerstand sprechen für die Adduktoren. Die Ärztin prüft gleichzeitig Hüftbeuger, Leistenkanal, Schambein und Hüftgelenk, weil mehrere Ursachen zusammen vorkommen können. Eine Leistenhernie, eine akute Muskelverletzung oder eine Hüfterkrankung dürfen nicht als Verspannung abgetan werden. Ultraschall oder MRT kommen zum Einsatz, wenn der Verlauf untypisch ist oder eine Verletzung oder Hernie infrage kommt.
Wie wird behandelt?
- Aktives Training: Kräftigung und Koordination der Adduktoren und der Beckenmuskulatur, schrittweise gesteigert. In einer randomisierten Studie mit 68 Sportlern mit lang bestehendem Leistenschmerz kehrten nach 8 bis 12 Wochen aktivem Training 23 Personen schmerzfrei in den Sport zurück, gegenüber 4 von 34 mit passiver Physiotherapie ohne Training.
- Belastung steuern: Sprints, Schüsse und Richtungswechsel vorübergehend reduzieren, Grundlagentraining erhalten
- Physiotherapie zur Anleitung des Programms und zum Wiedereinstieg
- Schmerzmittel nach Absprache in akuten Phasen
- Injektionen oder Operation nur in Ausnahmefällen nach erfolglosem, konsequent durchgeführtem Training
Kann TCM ergänzend helfen?
Zur Akupunktur bei Adduktorentendinopathie haben wir keine aussagekräftigen Studien gefunden. Ein ergänzender Versuch zur Schmerzlinderung kann besprochen werden, wenn Hernie, Verletzung und Hüftgelenk abgeklärt sind. Die belegte Behandlung ist das aktive Training; Akupunktur ersetzt es nicht.
Wann zeitnah abklären?
- plötzlicher stechender Schmerz mit Bluterguss oder Kraftverlust (Zerrung oder Riss)
- tastbare Vorwölbung in der Leiste, besonders beim Husten oder Pressen (Hernie)
- Schmerz mit Fieber, nächtlichem Schmerz oder allgemeinem Krankheitsgefühl
- Schmerz oder Schwellung am Hoden
- Taubheit, Kribbeln oder Schwäche im Bein
- Leistenschmerz ohne Sportbezug, vor allem bei Kindern und älteren Menschen
Nächster Schritt
Lass den Leistenschmerz sportmedizinisch oder hausärztlich einordnen, bevor du selbst trainierst. Mit einem angeleiteten Kraftprogramm über mehrere Wochen bessern sich die meisten Verläufe. Für einen ergänzenden Behandlungsversuch nach der Abklärung hilft der Praxisfinder.
Häufige Fragen
Ist jeder Leistenschmerz eine Adduktorenreizung?
Nein. Leistenschmerz kann von den Adduktoren, vom Hüftbeuger, vom Leistenkanal, vom Schambein oder aus dem Hüftgelenk kommen, manchmal von mehreren gleichzeitig. Auch eine Hernie ist auszuschliessen.
Was unterscheidet sie von einer Zerrung?
Eine Zerrung tritt plötzlich auf, oft mit stechendem Schmerz und Bluterguss. Die Tendinopathie entwickelt sich schleichend über Wochen und zeigt sich als Anlaufschmerz und Druckschmerz am Sehnenansatz.
Wann ist Sport wieder möglich?
Wenn Alltag und Training schmerzarm sind und die Kraft der Adduktoren wieder aufgebaut ist. Der Wiedereinstieg erfolgt stufenweise, von Laufen über Richtungswechsel bis zu Sprints und Schüssen. Das dauert meist mehrere Wochen bis Monate.
Quellen
- Calderdale and Huddersfield NHS Foundation Trust: Adductor tendinopathy
- Weir et al. 2015: Doha agreement meeting on terminology and definitions in groin pain in athletes, British Journal of Sports Medicine
- Hölmich et al. 1999: Effectiveness of active physical training as treatment for long-standing adductor-related groin pain in athletes, randomised trial, The Lancet
