Normalerweise werden bis zu 95 Prozent der Gallensäuren im letzten Dünndarmabschnitt zurückgeholt. Gelangen zu viele in den Dickdarm, lösen sie wässrigen Durchfall aus: gallensäurebedingter Durchfall, auch Gallensäurediarrhoe oder Gallensäureverlustsyndrom genannt. Bei bis zu 30 Prozent der Menschen mit Reizdarm vom Durchfalltyp zeigt ein Test Hinweise darauf. Die britische Fachgesellschaft empfiehlt, die Diagnose mit einem Test zu stellen statt Medikamente auszuprobieren; behandelt wird mit Gallensäurebindern.
Gallensäureverlust oder gallensäurebedingter Durchfall?
Die beiden Begriffe werden oft gleich verwendet, meinen aber nicht dasselbe:
- Gallensäureverlust ist ein Messbefund. Im SeHCAT-Test schluckst du eine Kapsel mit einer markierten Gallensäure; nach sieben Tagen wird gemessen, wie viel davon noch im Körper ist. Bleiben 10 bis 15 Prozent, gilt der Verlust als leicht, bei 5 bis 10 Prozent als mittel, unter 5 Prozent als schwer.
- Gallensäurebedingter Durchfall ist das Krankheitsbild: chronischer, wässriger Durchfall, der auf zu viele Gallensäuren im Dickdarm zurückgeht.
Ein auffälliger Test erklärt den Durchfall nicht in jedem Fall allein. Hilft die Behandlung nicht, sucht die Ärztin laut britischer Leitlinie nach weiteren Ursachen, etwa einer Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO), einer Schwäche der Bauchspeicheldrüse oder einer mikroskopischen Kolitis, auch wenn der SeHCAT-Test auffällig war.
Typische Beschwerden
- chronischer, wässriger Durchfall mit Stuhldrang
- häufig eingeordnet als Reizdarm mit Durchfall
- nach Operationen am letzten Dünndarmabschnitt typischerweise nach dem Essen, mit Besserung beim Fasten
Ursachen
Gallensäuren werden in der Leber aus Cholesterin gebildet, helfen bei der Fettverdauung und werden zum grössten Teil im letzten Dünndarmabschnitt (Ileum) wieder aufgenommen. Ein Überschuss im Dickdarm kann verschiedene Gründe haben:
- ohne erkennbare Ursache (primär), häufig bei Menschen, die zuvor als Reizdarm mit Durchfall eingeordnet wurden
- Erkrankung oder Entfernung des Ileums, zum Beispiel bei Morbus Crohn
- nach Entfernung der Gallenblase: bis zu 10 Prozent haben danach chronischen Durchfall, durch verschiedene Mechanismen, darunter Gallensäuren
- nach einem Darminfekt
- nach Bestrahlung oder Chemoradiotherapie im Becken: mehr als die Hälfte der Betroffenen hat danach einen gallensäurebedingten Durchfall
Wie wird abgeklärt?
Zuerst kommt die Grundabklärung von chronischem Durchfall: Blutwerte, Stuhlproben, ein Test auf Zöliakie und je nach Alter und Beschwerden eine Darmspiegelung. Danach wird die Diagnose gezielt gestellt:
- SeHCAT-Test: nuklearmedizinische Messung nach sieben Tagen, der aussagekräftigste Test
- Blutwert C4 (7α-Hydroxy-4-cholesten-3-on): misst die Neubildung von Gallensäuren, nüchtern abgenommen; ein normaler Wert macht die Diagnose unwahrscheinlich, bei Lebererkrankungen kann er falsch erhöht sein
- Gallensäuren im Stuhl über 48 Stunden, aufwendig
Welche Tests angeboten werden, unterscheidet sich je nach Zentrum. Einen blossen Therapieversuch statt eines Tests empfiehlt die britische Leitlinie nicht, unter anderem weil ein Nichtansprechen auf ein Mittel die Diagnose nicht ausschliesst.
Wie wird behandelt?
- Gallensäurebinder wie Colestyramin oder Colesevelam, ärztlich verordnet; je stärker der gemessene Verlust, desto häufiger sprechen Betroffene an
- Kein Ansprechen auf ein Mittel schliesst die Diagnose nicht aus; ein Wechsel kann helfen
- Grunderkrankung behandeln, zum Beispiel einen Morbus Crohn
Dosis und Einnahme legt die Ärztin oder der Arzt fest.
Kann TCM ergänzend helfen?
In einer PubMed-Suche am 26.10.2026 (bile acid diarrhoea, bile acid diarrhea oder bile acid malabsorption mit acupuncture oder Chinese herbal) haben wir zwei Treffer gefunden, beides allgemeine Übersichten zu chronischem Durchfall und Reizdarm, keine Studie zu dieser Ursache. Ergebnisse zum Reizdarm lassen sich nicht übertragen. Die Abklärung und Behandlung gehören in die Gastroenterologie.
Wann zeitnah abklären?
- Sofort Notruf 144: Erbrechen von Blut oder kaffeesatzartigem Material, plötzliche starke Bauchschmerzen, starke Atemnot, Verwirrtheit
- Noch heute ärztlich: blutiger Durchfall, Zeichen von Flüssigkeitsmangel trotz Trinklösung, anhaltendes Erbrechen
- Zeitnah in die Sprechstunde: anhaltendes Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Durchfall vor allem nachts oder ohne Pause, eine unerklärte Veränderung des Stuhlgangs
Nächster Schritt
Bei Warnzeichen sofort 144 oder in die Notfallstation. Hast du seit Monaten wässrigen Durchfall, besonders nach einer Gallenblasen- oder Darmoperation oder einer Beckenbestrahlung, frag in der Hausarztpraxis oder Gastroenterologie gezielt nach einem Test auf gallensäurebedingten Durchfall.
Häufige Fragen
Ist das dasselbe wie Reizdarm?
Nein. Beim gallensäurebedingten Durchfall gibt es eine messbare Ursache. Weil die Beschwerden ähnlich sind, wird er aber oft zunächst als Reizdarm mit Durchfall eingeordnet.
Kann ich Gallensäurebinder einfach ausprobieren?
Die britische Leitlinie empfiehlt, die Diagnose zuerst mit einem Test zu stellen. Ob und welches Mittel du nimmst, entscheidest du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Bekommt jeder nach einer Gallenblasenentfernung Durchfall?
Nein. Bis zu 10 Prozent haben danach chronischen Durchfall, und nicht immer sind Gallensäuren die Ursache.
