Vestibuläre Migräne bedeutet wiederkehrende Schwindelepisoden von fünf Minuten bis drei Tagen bei Menschen mit Migräne, bei denen mindestens die Hälfte der Episoden mit Migränezeichen wie Kopfschmerz, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Aura einhergeht. Die Diagnose stellen Neurologie oder HNO nach Ausschluss anderer Ursachen. Behandelt wird wie Migräne: Auslöser erkennen, Attacken behandeln, bei häufigen Episoden vorbeugen.
Was ist eine vestibuläre Migräne?
Das Wort «vestibulär» bezieht sich auf das Gleichgewichtssystem. Bei der vestibulären Migräne äussert sich die Migräne nicht nur als Kopfschmerz, sondern als Schwindel: Drehen, Schwanken, Kippen oder Bewegungsunsicherheit, oft ausgelöst durch Kopfbewegungen, Muster oder bewegte Objekte, verbunden mit Übelkeit. Kopfschmerz fehlt bei vielen Attacken.
Internationale Fachgesellschaften haben Kriterien festgelegt: mindestens fünf Episoden mit mittelschweren bis schweren Gleichgewichtssymptomen von fünf Minuten bis 72 Stunden, eine Migräne in der Vorgeschichte, bei mindestens der Hälfte der Episoden Migränezeichen wie einseitiger pulsierender Kopfschmerz, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Sehaura, und keine andere Erklärung. Die allgemeine Migräne und der Schwindel als Symptom haben eigene Seiten; hier geht es um die Verbindung von beidem.
Typische Beschwerden
- Schwindelattacken von Minuten bis Tagen: Drehschwindel, Schwankschwindel, Kippgefühl oder Bewegungsschwindel bei Kopfbewegungen
- Übelkeit, Gangunsicherheit, Empfindlichkeit gegen Licht, Lärm und Gerüche
- Kopfschmerz nur bei einem Teil der Attacken, manchmal vor, während oder nach dem Schwindel
- Druck oder Rauschen im Ohr, meist ohne messbaren Hörverlust
- Benommenheit, Konzentrationsstörung und Erschöpfung nach der Attacke
- häufig Reisekrankheit seit der Kindheit und Migräne in der Familie
Ursachen
Die vestibuläre Migräne ist eine Form der Migräne, keine Erkrankung des Innenohrs. Die Mechanismen sind nicht vollständig geklärt. Betroffen sind bis zu drei Prozent der Erwachsenen, Frauen deutlich häufiger als Männer, meist zwischen 30 und 50 Jahren. Auslöser gleichen denen der Migräne: Schlafmangel, Stress, Wetterwechsel, Menstruationszyklus, ausgelassene Mahlzeiten, grelles oder flackerndes Licht, Bildschirmscrollen, Alkohol, Koffein und bestimmte Lebensmittel.
Wie wird abgeklärt?
Es gibt keinen Test, der die vestibuläre Migräne beweist. Die Diagnose stützt sich auf die genaue Beschreibung der Attacken, die Migränevorgeschichte und den Ausschluss anderer Ursachen durch Neurologie und HNO: Gleichgewichtsprüfung, Hörtest, bei Bedarf MRT. Abzugrenzen sind der Lagerungsschwindel mit sekundenkurzen, durch Lagewechsel ausgelösten Attacken, Morbus Menière mit Hörverlust und Tinnitus während der Attacke, die Vestibularisneuritis mit tagelangem Dauerschwindel sowie Durchblutungsstörungen des Gehirns. Ein Schwindeltagebuch mit Dauer, Begleitzeichen und möglichen Auslösern hilft bei der Einordnung.
Wie wird behandelt?
- Auslöser erkennen und reduzieren: regelmässiger Schlaf, regelmässige Mahlzeiten, Stressbewältigung, Tagebuch führen
- Attackenbehandlung: Mittel gegen Übelkeit und Schwindel in der Attacke, bei Kopfschmerz Schmerzmittel oder Triptane nach ärztlicher Verordnung
- Vorbeugung bei häufigen oder schweren Attacken mit Medikamenten, die auch bei Migräne vorbeugend eingesetzt werden; Nahrungsergänzungen wie Magnesium oder Vitamin B2 und Nervenstimulationsgeräte werden teils ergänzend eingesetzt, Nutzen und Auswahl bespricht die Neurologin
- Gleichgewichtstraining (vestibuläre Rehabilitation) bei anhaltender Unsicherheit zwischen den Attacken
- Umgang mit Angst: Schwindel macht Angst, und Angst verstärkt Schwindel; Aufklärung und bei Bedarf psychotherapeutische Unterstützung gehören dazu
Kann TCM ergänzend helfen?
Zur Akupunktur bei vestibulärer Migräne haben wir nur Studienprotokolle, aber keine abgeschlossenen aussagekräftigen Studien gefunden. Ergebnisse zur Akupunktur bei Migränekopfschmerz lassen sich nicht direkt auf Schwindelattacken übertragen. Ein ergänzender Versuch kann besprochen werden, wenn die Diagnose steht und gefährliche Ursachen ausgeschlossen sind. Die ärztliche Behandlung und Vorbeugung bleibt die Grundlage.
Wann zeitnah abklären?
- erstmaliger oder ungewohnt heftiger Schwindel mit Doppelbildern, Sprach- oder Schluckstörung, Lähmung, Taubheit, Gangunfähigkeit oder stärkstem Kopfschmerz (sofort, Notruf 144)
- plötzlicher Hörverlust oder neuer Tinnitus auf einem Ohr
- Dauerschwindel über Tage statt Attacken
- Schwindel nach einem Sturz oder einer Kopfverletzung
- Attacken, die häufiger oder länger werden oder den Alltag einschränken
Nächster Schritt
Führe ein Schwindeltagebuch und lass die Attacken neurologisch und bei Bedarf in der HNO einordnen. Mit Auslöserkontrolle, Attackenbehandlung und Vorbeugung lassen sich die meisten Verläufe gut beeinflussen. Für einen ergänzenden Behandlungsversuch nach der Abklärung hilft der Praxisfinder.
Häufige Fragen
Kann vestibuläre Migräne ohne Kopfschmerzen auftreten?
Ja. Kopfschmerzen müssen nicht bei jeder Episode auftreten, bei vielen Betroffenen fehlen sie oft. Die Diagnose stützt sich auf mehrere Kriterien zusammen: mindestens fünf Schwindelepisoden von fünf Minuten bis 72 Stunden mit mindestens mittelschwerer Ausprägung, eine Migräne in der Vorgeschichte, Migränezeichen (typischer Migränekopfschmerz, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Sehaura) bei mindestens der Hälfte der Episoden, und keine andere Erkrankung, die den Schwindel besser erklärt. Diese Einordnung nimmt die Ärztin oder der Arzt nach Abklärung vor, nicht man selbst.
Wie unterscheidet sie sich von Lagerungsschwindel?
Lagerungsschwindel dauert Sekunden bis unter eine Minute und wird durch bestimmte Lagewechsel wie Umdrehen im Bett ausgelöst; er ist in der Untersuchung nachweisbar und mit Lagerungsmanövern behandelbar. Attacken der vestibulären Migräne dauern Minuten bis Tage und gehen mit Migränezeichen einher.
Wer stellt die Diagnose?
In der Regel die Neurologie, oft zusammen mit der HNO, die Innenohrursachen ausschliesst. Die Diagnose beruht auf der Beschreibung der Attacken, der Migränevorgeschichte und dem Ausschluss anderer Ursachen, nicht auf einem einzelnen Test.
