Hyperakusis ist eine herabgesetzte Toleranz gegenüber alltäglicher Lautstärke: Geschirrklappern, Hundegebell oder ein Staubsauger wirken unerträglich laut. Sie kann ein oder beide Ohren betreffen, plötzlich oder schleichend beginnen und tritt oft zusammen mit Tinnitus auf. Zuerst klären HNO und Audiologie das Gehör; behandelt wird mit Geräuschtherapie und kognitiver Verhaltenstherapie. Dauerhafter Gehörschutz verschlimmert die Empfindlichkeit.
Was ist Hyperakusis?
Hyperakusis bedeutet, dass Geräusche, die für andere normal laut sind, als übermässig laut, unangenehm oder sogar schmerzhaft erlebt werden: klirrende Münzen, ein bellender Hund, ein Motor, Kauen oder ein Staubsauger. Betroffene ziehen sich oft aus lauten Umgebungen zurück, was die Empfindlichkeit mit der Zeit weiter steigert.
Hyperakusis ist nicht dasselbe wie Tinnitus, also das Hören von Geräuschen ohne äussere Quelle, auch wenn beide häufig zusammen auftreten. Abzugrenzen sind auch die Misophonie, bei der bestimmte Geräusche wie Kauen oder Atmen Wut oder Ekel auslösen, die Phonophobie als Angst vor Geräuschen und das Rekruitment, bei dem ein geschädigtes Ohr Lautstärkeunterschiede verzerrt wahrnimmt. Diese Seite behandelt die herabgesetzte Lautheitstoleranz.
Typische Beschwerden
- Alltagsgeräusche wirken viel lauter, als sie sind, und werden als unangenehm oder schmerzhaft empfunden
- ein oder beide Ohren betroffen; Beginn plötzlich oder schleichend
- Anspannung, Konzentrationsstörung, Erschöpfung in lauter Umgebung
- Vermeidung von Restaurants, Kino, Verkehr oder Familienfesten
- häufig gleichzeitig Tinnitus
Ursachen
Die Ursache ist nicht vollständig geklärt. Hyperakusis kann ohne erkennbaren Anlass beginnen oder nach einem plötzlichen lauten Ereignis wie einem Knall. Sie tritt gehäuft zusammen mit Tinnitus, nach Kopfverletzungen, bei Migräne, Morbus Menière, bei einer Fazialisparese (Bell-Parese), bei Borreliose und bei Autismus auf. Kinder sind häufig geräuschempfindlicher als Erwachsene; das legt sich meist mit dem Alter.
Wie wird abgeklärt?
Die Hausärztin überweist in die HNO oder Audiologie. Dort werden das Gehör mit einem Hörtest gemessen, die Unbehaglichkeitsschwelle für Lautstärke bestimmt und Ohr, Trommelfell und Gleichgewicht untersucht. Fragebögen erfassen, wie stark der Alltag eingeschränkt ist. Gesucht wird nach behandelbaren Begleiterkrankungen wie Migräne, Borreliose oder Mittelohrproblemen. Eine Hörminderung schliesst Hyperakusis nicht aus; beides kann nebeneinander bestehen.
Wie wird behandelt?
- Grunderkrankung behandeln, wenn eine vorliegt, etwa Migräne oder Borreliose
- Geräuschtherapie: schrittweise Gewöhnung an Alltagsgeräusche, oft mit kleinen Rauschgeneratoren im Ohr oder einem Lautsprecher mit leisem Rauschen; wird ein Geräusch dabei unangenehm laut oder schmerzhaft, wird die Therapie angepasst
- Kognitive Verhaltenstherapie, um die Bewertung von Geräuschen zu verändern und Angst und Anspannung zu reduzieren
- Entspannungstechniken wie Atemübungen
- Kein Dauer-Gehörschutz: Ohrstöpsel oder Kapselgehörschutz nur in wirklich lauten Umgebungen; ständiges Tragen und das vollständige Meiden von Geräuschen machen das Gehör noch empfindlicher
Kann TCM ergänzend helfen?
Zur Akupunktur bei Hyperakusis haben wir keine aussagekräftigen Studien gefunden. Sie stellt weder Gehör wieder her noch heilt sie die Geräuschempfindlichkeit. Nach der HNO- und audiologischen Abklärung kann ein ergänzender Versuch zur Entspannung oder bei begleitenden Beschwerden wie Schlafstörung besprochen werden. Geräusch- und Verhaltenstherapie bleiben die belegten Behandlungen.
Wann zeitnah abklären?
- plötzlicher Hörverlust, neu aufgetretener starker Tinnitus oder Ohrenschmerzen mit Ausfluss
- Geräuschempfindlichkeit nach einem Knalltrauma oder einer Kopfverletzung
- gleichzeitig Schwindel, Gesichtslähmung oder starke Kopfschmerzen
- Geräuschempfindlichkeit, die den Alltag, die Arbeit oder soziale Kontakte einschränkt
- bei Kindern, wenn die Empfindlichkeit stark ist oder nach einer Mittelohrentzündung mit Erguss neu auftritt
Nächster Schritt
Lass das Gehör in der HNO oder Audiologie untersuchen und frage nach Geräuschtherapie und Verhaltenstherapie. Meide Geräusche nicht vollständig, auch wenn das zunächst Überwindung kostet. Für einen ergänzenden Behandlungsversuch nach der Abklärung hilft der Praxisfinder.
Häufige Fragen
Ist Hyperakusis dasselbe wie Tinnitus?
Nein. Tinnitus ist ein Geräusch, das ohne äussere Quelle gehört wird. Hyperakusis ist eine Überempfindlichkeit gegenüber äusseren Geräuschen. Beides tritt oft gemeinsam auf und wird häufig in derselben Sprechstunde behandelt.
Sollte ich ständig Ohrstöpsel tragen?
Nein. Gehörschutz gehört nur in wirklich laute Umgebungen, etwa an Konzerte oder an Baustellen. Dauerhaftes Tragen und das Vermeiden aller Geräusche senken die Toleranz weiter und verschlimmern die Hyperakusis.
Welche Fachperson ist zuständig?
Die HNO-Ärztin und die Audiologie für Abklärung und Geräuschtherapie, bei Bedarf ergänzt durch Psychotherapie für die kognitive Verhaltenstherapie. Der Weg führt meist über die Hausärztin.
