Überbewegliche Gelenke haben laut Rheuma Schweiz 10 bis 20 Prozent der gesunden Bevölkerung, die meisten ohne Beschwerden. Hypermobilität mit Schmerzen und Funktionseinschränkungen ist mit etwa 0,1 Prozent deutlich seltener. Die Diagnose stellt eine Ärztin aus Vorgeschichte und Untersuchung; seltene erbliche Bindegewebserkrankungen werden dabei abgegrenzt. Im Zentrum der Behandlung steht die muskuläre Stabilisierung.
Was ist Hypermobilität?
Hypermobil heisst: Gelenke lassen sich über das übliche Mass hinaus bewegen. Seit 2017 werden die Formen international neu unterschieden:
- Hypermobilität ohne Beschwerden: eine Eigenschaft, keine Krankheit
- Hypermobility Spectrum Disorder (HSD): Hypermobilität mit Schmerzen oder Einschränkungen, ohne Hinweise auf ein Ehlers-Danlos-Syndrom; früher Hypermobilitäts- oder Hyperlaxitätssyndrom genannt
- Hypermobiles Ehlers-Danlos-Syndrom (hEDS): wird anhand einer Kriterien-Checkliste diagnostiziert, weil es sich noch nicht genetisch bestätigen lässt
Davon abzugrenzen sind seltene, genetisch bestimmbare Erkrankungen wie das vaskuläre und das klassische Ehlers-Danlos-Syndrom, das Marfan- und das Loeys-Dietz-Syndrom. hEDS und vaskuläres EDS sind verschiedene Erkrankungen und keine anderen Namen für Hypermobilität. Schmerzen, die überall wandern, werden manchmal als Fibromyalgie oder entzündliche Gelenkerkrankung fehlgedeutet; die Abklärung trennt das.
Typische Beschwerden
- wechselnde Schmerzen in Gelenken und Muskeln, die sich oft nicht klar zuordnen lassen
- wiederholte Verstauchungen, vor allem am Sprunggelenk, und Gelenke, die teilweise oder ganz ausrenken (Schulter, Handgelenk, Knie, Sprunggelenk)
- schlechtere Körperwahrnehmung, Koordination und Gleichgewicht
- ausgeprägte Müdigkeit, auch nach Erholung
- Beschwerden von Verdauung, Blase oder Kreislauf, bei manchen Angst oder depressive Verstimmung
- dehnbare Haut, Dehnungsstreifen und dünne Narben
Ursachen
Hypermobilität ist oft familiär, die Veranlagung ist also teilweise erblich; der genaue Gendefekt ist bei HSD und hEDS unbekannt. Beim Marfan-Syndrom und bei den genetisch bestätigbaren EDS-Formen sind Störungen von Kollagen und Bindegewebsfasern bekannt und bestimmbar. Häufiger betroffen sind Kinder, Jugendliche und Frauen. Mit dem Alter werden die Bänder fester; Ausrenkungen werden dann seltener.
Wie wird abgeklärt?
Die Ärztin fragt gezielt nach Verstauchungen seit der Kindheit und nach auffälliger Beweglichkeit, etwa einem Spagat ohne Training. Dazu kommt der Beighton-Score mit fünf Tests und höchstens neun Punkten: Kleinfinger, Daumen, Ellbogen, Knie und Vorbeuge mit flachen Händen am Boden. Wie viele Punkte als generalisiert gelten, hängt vom Alter ab (nach den Kriterien der Ehlers-Danlos Society 2017 mindestens 6 vor der Pubertät, 5 bis 50 Jahre, 4 über 50 Jahre). Für die Diagnose einer HSD braucht es laut Rheuma Schweiz keine Gen-, Labor- oder Bildgebungsuntersuchung. Gibt es Hinweise auf eine erbliche Bindegewebserkrankung, folgt eine spezialisierte Abklärung, zum Beispiel am Zentrum für seltene Krankheiten Zürich. Ein Selbsttest allein ist keine Diagnose.
Wie wird behandelt?
- Muskuläre Stabilisierung von Gelenken und Wirbelsäule, mit individuell angepasster Physiotherapie
- Alltag anpassen: Ergonomie bei Arbeit, Haushalt und Sport
- Team über längere Zeit: Hausärztin, Facharzt, Physio- und Ergotherapie, bei Bedarf Psychologie; Ziel ist ein möglichst normales Leben mit den Beschwerden
- Bei Schmerzschüben ärztlich verordnete Schmerzmittel; Rheuma Schweiz rät von Opiaten und Muskelrelaxanzien ab
Kann TCM ergänzend helfen?
In einer PubMed-Suche am 26.10.2026 (hypermobility oder Ehlers-Danlos mit acupuncture oder Chinese medicine) haben wir keine Studie zur Wirksamkeit gefunden. Unter den fünf Treffern ist ein Fallbericht von 2026, der einen Lungenkollaps (Pneumothorax) nach Akupunktur am Brustkorb bei einer Person mit Ehlers-Danlos-Syndrom beschreibt. Akupunktur stabilisiert keine Bänder und ersetzt kein Stabilisationstraining. Wer sie bei begleitenden Schmerzen erwägt, sollte die Diagnose offen nennen, damit die Behandlung entsprechend angepasst wird.
Wann zeitnah abklären?
- Zeitnah in die Sprechstunde: Gelenk- oder Muskelschmerzen und Steifigkeit, wiederholte Verstauchungen, Gelenke, die immer wieder ausrenken, Müdigkeit trotz Erholung oder Probleme mit Blase oder Darm
- Spezialisierte Abklärung besprechen: wenn in der Familie Erkrankungen des Bindegewebes, der Gefässe oder des Herzens bekannt sind oder die Haut auffällig dehnbar ist oder dünne Narben bildet
- Abklären lassen: wenn beim Aufstehen regelmässig Herzrasen und Schwindel auftreten; das kann zu einem POTS passen, das bei manchen Menschen mit Hypermobilität zusätzlich vorkommt
Nächster Schritt
Haben bewegliche Gelenke Schmerzen, Verstauchungen oder Erschöpfung zur Folge, vereinbare einen Termin in der Hausarztpraxis oder Rheumatologie. Nach der Abklärung ist ein gezieltes Stabilisationstraining der wichtigste Schritt.
Häufige Fragen
Ist Hypermobilität eine Krankheit?
Meist nicht. Viele Menschen sind sehr beweglich und haben keine Beschwerden. Erst Schmerzen und Einschränkungen machen daraus eine behandlungsbedürftige Störung.
Kann ich den Beighton-Test selbst machen?
Du kannst die Bewegungen ausprobieren. Eine Diagnose ersetzt das nicht, denn sie stützt sich auch auf die Vorgeschichte und den Ausschluss anderer Erkrankungen.
Wird es mit dem Alter besser?
Oft ja. Die Bänder werden mit dem Alter fester, Ausrenkungen kommen dann seltener vor. Schmerzen können trotzdem bleiben.
