POTS (posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom) ist eine chronische Störung der Kreislaufregulation: Im Stehen steigt die Herzfrequenz übermässig an, ohne dass der Blutdruck abfällt. Typisch sind Schwindel, Herzklopfen, Schwäche und Erschöpfung im Stehen, die sich im Liegen rasch bessern. Für die Diagnose braucht es einen anhaltenden Pulsanstieg um mindestens 30 Schläge pro Minute innerhalb von zehn Minuten Stehen, Beschwerden seit mindestens drei Monaten und den Ausschluss anderer Ursachen. Die Behandlung wird individuell geplant.
Was ist POTS?
Nach der Definition internationaler Fachgesellschaften, zusammengefasst in einem Konsensuspapier der US-Gesundheitsbehörde NIH, gehören vier Punkte dazu:
- anhaltender Anstieg der Herzfrequenz um mindestens 30 Schläge pro Minute innerhalb von zehn Minuten Stehen oder Kipptisch; bei 12- bis 19-Jährigen mindestens 40
- kein deutlicher Blutdruckabfall (kein anhaltender Abfall des oberen Werts um 20 mmHg oder mehr)
- häufige Beschwerden im Stehen, die sich im Liegen rasch bessern
- Beschwerden seit mindestens drei Monaten, ohne andere Erklärung
Andere Ursachen für einen schnellen Puls werden ausgeschlossen, etwa Blutarmut, Fieber, Schmerzen, Infekt, Flüssigkeitsmangel, Schilddrüsenüberfunktion, Angststörung, Medikamente oder starke Dekonditionierung nach langer Bettruhe. Fällt der Blutdruck im Stehen deutlich ab, ist das kein POTS, sondern eine orthostatische Hypotonie (siehe niedriger Blutdruck). Typisch betroffen sind junge Frauen; die Beschwerden beginnen oft in der Jugend oder nach einem Virusinfekt.
POTS ist nicht dasselbe wie Long Covid oder ME/CFS, kann aber zusammen mit diesen Erkrankungen oder mit einer Hypermobilität vorkommen.
Typische Beschwerden
- im Stehen: Schwindel oder Benommenheit, spürbares Herzklopfen, Brustschmerz, Atemnot, Zittern, Schwitzen, Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht
- Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Bauchweh
- Kopfweh, verschwommenes Sehen oder Tunnelblick
- bläulich-violette Hände und Füsse
- Schwäche, ausgeprägte Müdigkeit, wenig Belastbarkeit, schlechter Schlaf, Konzentrationsprobleme («Brain Fog»)
Die Beschwerden sind oft morgens stärker und wechseln von Tag zu Tag. Verstärken können sie Hitze, langes Stehen oder Sitzen, Mahlzeiten mit vielen Kohlenhydraten, zu wenig Trinken, Alkohol, zu viel Ruhe, Sport und die Menstruation.
Ursachen
Die Ursache ist nicht geklärt. Vermutlich wirken verschiedene Mechanismen zusammen; bei manchen beginnt POTS nach einer Belastung des Immunsystems wie einem Virusinfekt. Es kann plötzlich oder schleichend entstehen.
Wie wird abgeklärt?
In der Hausarztpraxis werden Puls und Blutdruck im Liegen und danach wiederholt im Stehen gemessen (aktiver Stehtest). Dazu kommen Blutuntersuchungen und ein EKG, um andere Ursachen zu finden. Bei unklaren oder schweren Beschwerden folgen in der Kardiologie oder Neurologie weitere Tests, etwa eine Echokardiografie, eine 24-Stunden-Messung von Puls und Blutdruck oder eine Kipptischuntersuchung. Bis zur Diagnose vergeht oft Zeit, weil die Beschwerden anderen Erkrankungen ähneln.
Wie wird behandelt?
Die Behandlung beginnt mit Aufklärung und Massnahmen ohne Medikamente; was davon für dich passt, legt die Ärztin oder der Arzt fest:
- Auslöser meiden: nicht lange stehen, nicht schnell aufstehen, kleine Mahlzeiten mit weniger Kohlenhydraten, wenig Alkohol und Koffein
- Trinken und Salz: werden häufig erhöht; wie viel, und ob mehr Salz für dich überhaupt infrage kommt, wird individuell entschieden. Der Nutzen der Salzzufuhr ist laut NIH-Konsens nicht abschliessend belegt.
- Kompression: Stützstrümpfe bis zur Taille, eventuell eine Bauchbinde
- Training: laut NIH-Konsens fester Teil der Behandlung, schrittweise aufgebaut und anfangs im Liegen oder Sitzen, etwa Rudern, Liegevelo oder Schwimmen; zu Beginn kann man sich vorübergehend schlechter fühlen. Treten beim Training Beschwerden auf, hör auf und besprich das Vorgehen ärztlich
- Medikamente: zum Beispiel Fludrocortison oder Betablocker gegen einzelne Beschwerden, ärztlich verordnet; laut NIH-Konsens ist die Datenlage für viele dieser Mittel nicht robust
- Bei Schwindel im Moment: hinlegen und die Beine hochlagern; geht das nicht, die Beine überkreuzen, auf den Zehen wippen oder Gesäss-, Bauch- und Handmuskeln anspannen
Hast du zusätzlich ME/CFS mit Verschlechterung nach Belastung, gelten für die Belastung eigene Regeln; ein Trainingsprogramm nach Schema ersetzt dann nicht die ärztliche Planung.
Kann TCM ergänzend helfen?
In einer PubMed-Suche am 26.10.2026 (postural orthostatic tachycardia mit acupuncture oder Chinese medicine) haben wir fünf Treffer gefunden: Erfahrungsbeiträge und ein vorgeschlagenes Behandlungsprotokoll aus einer Akupunkturzeitschrift von 2025, aber keine kontrollierte Studie. Ein Nutzen bei POTS ist damit nicht belegt. Akupunktur ersetzt weder die Abklärung noch die Kreislaufmassnahmen oder verordnete Medikamente.
Wann zeitnah abklären?
- Sofort Notruf 144: nach einer Ohnmacht keine rasche Erholung, Mühe beim Sprechen oder Bewegen; Ohnmacht mit Brustschmerz oder starkem, unregelmässigem Herzklopfen; Ohnmacht beim Sport oder im Liegen; Krampfanfall; Verletzung beim Sturz
- Zeitnah ärztlich: nach jeder ungeklärten Ohnmacht
- Zeitnah in die Sprechstunde: wiederholt Herzrasen, Schwindel oder Schwäche beim Aufstehen, die sich im Liegen bessern
Nächster Schritt
Bei Ohnmacht mit Brustschmerz, Herzstolpern oder beim Sport sofort 144. Sonst lass Puls und Blutdruck im Liegen und Stehen in der Hausarztpraxis messen und notiere vorher, wann die Beschwerden auftreten. Die Behandlung wird danach individuell festgelegt.
Häufige Fragen
Ist POTS dasselbe wie Long Covid?
Nein. POTS kann nach einer Covid-Erkrankung auftreten, aber auch nach anderen Infekten oder ohne erkennbaren Auslöser. Long Covid und ME/CFS sind eigene Diagnosen, die zusammen mit POTS vorkommen können.
Muss ich mit POTS viel Salz essen?
Nicht pauschal. Mehr Flüssigkeit und Salz werden oft empfohlen, aber Menge und Eignung hängen von deinem Blutdruck und deiner Gesundheit ab. Kläre das mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Kann ich POTS zu Hause messen?
Eine eigene Pulsmessung im Liegen und Stehen kann Hinweise geben. Die Diagnose braucht aber eine ärztliche Messung mit Blutdruck und den Ausschluss anderer Ursachen.
